Fabriken in Bangladesch Textilindustrie am Abgrund

Stand: 08.02.2021 15:30 Uhr

In Bangladesch wird ein großer Teil der in Deutschland verkauften Kleidung produziert. Doch im Lockdown bleibt die Ware liegen. Viele Menschen bangen um ihren Job - oder haben ihn bereits verloren.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

"Vor Covid-19 habe ich keine Angst, aber vor den Folgen der Pandemie. Wird meine Fabrik weiter Aufträge bekommen, und werde ich meinen Job behalten?" Nasrin Akter aus Bangladesch macht sich große Sorgen. Die junge Näherin arbeitet in der Qualitätskontrolle bei einem von Tausenden Bekleidungsunternehmen Bangladeschs. Die junge Frau kontrolliert gerade Kinder-T-Shirts auf Webfehler. Die sind für den deutschen und europäischen Markt bestimmt. Bestellt hat sie der nach eigenen Angaben größte Modehändler Europas mit Sitz in Bielefeld. Das Unternehmen hat mehr als 380 Vertragspartner in Europa.

Ohne die Märkte im Westen geht nichts

"Wir sind abhängig von den westlichen Märkten", sagt Rubana Huq. Sie vertritt die Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA). "Wenn sie die Modeläden schließen, wenn niemand mehr einkauft, bedeutet das für uns, dass wir die Produktion einstellen müssen." Huq hat im vergangenen Jahr viele Anrufe von europäischen Großhändlern und Modemarken bekommen, darunter waren auch ihre deutschen Kunden. "Mit dem ersten Lockdown wollten alle  sofort ihre Bestellungen zurückziehen - über Nacht."

Sie hat verhandelt und erreicht, dass die europäischen Modefirmen dann doch 90 Prozent der Aufträge erteilt und nur zehn Prozent zurückgezogen haben. "Aber sie haben von uns verlangt, die Zahlungsfristen von drei Monaten auf sechs Monate zu strecken." Für die Firmen in Bangladesch ging es letztlich ums Überleben. "Was soll ich sagen?", fragt Huq. "Sie sind unsere Kunden, sie kaufen uns die Ware ab, wir arbeiten mit ihnen seit langer Zeit zusammen."

Lage vieler Modehändler prekär

In Deutschland beschreibt Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer der Handelsverbands Textil, die Lage so: "Da die Kosten und vor allem der Wareneinkauf durch die langen Vorlaufzeiten in den internationalen Lieferkette kaum angepasst werden konnten, stehen viele Geschäfte nunmehr vor dem endgültigen Aus." Der Verband geht für 2020 von einem historischen Umsatzeinbruch in der Modebranche von 30 Prozent aus. Mit dem erneuten Lockdown bleibt der Handel jetzt auf der Winterware sitzen. Der Verband schätzt, dass eine halbe Milliarde Modeartikel liegen geblieben sind. Mit den Einnahmen müsste eigentlich die nächste Kollektion bezahlt werden, sagt Pangels.

Und wieder steht bei Rubana Haq in Bangladesch das Telefon nicht still. "Wir produzieren für den deutschen Markt vor allem noch Freizeitbekleidung. Die meisten Kunden sagen uns aber jetzt, dass sie erst einmal keine neuen Aufträge erteilen. Nur sehr selten bestellt dann doch eine Firma. Keiner von ihnen geht im Moment davon aus, dass sich die Lage in Deutschland in den nächsten ein bis zwei Monaten wesentlich verbessern wird."

Deutschland größter Auftraggeber

Deutsche Modehändler und -marken lassen große Teile ihrer Modekollektionen in Bangladesch herstellen. Nur China produziert noch mehr für den deutschen Markt. Deutschland ist für Bangladesch zum größten Auftraggeber in der Europäischen Union geworden. 4,1 Millionen Menschen, vor allem Frauen, arbeiten in der Textilindustrie von Bangladesch, sagt BGMEA-Vertreterin Huq.

Die Näherin Akter ist die einzige in der Familie, die jetzt noch Arbeit hat. Ihr Mann hat bereits seinen Job in der Textilfabrik verloren. Bangladeschs Regierung hat den Firmen im vergangenen Jahr mit Überbrückungskrediten geholfen. Doch die müssen jetzt zurückgezahlt werden. Huq verhandelt gerade, um einen Zahlungsaufschub zu erreichen. Und sie hofft dringend, dass es Deutschland und all die anderen Länder, wo Bangladeschs Handelspartner sitzen, schnell schaffen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. "Wenn sich der Markt nicht bald erholt, dann ist das unser Untergang."

Über dieses Thema berichtete B5 Dossier Politik am 02. September 2020 um 21:05 Uhr.

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