Brexit

Furcht vor Chaos-Brexit Der deutsche Mittelstand bangt

Stand: 16.12.2020 15:31 Uhr

Die Brexit-Hängepartie bereitet dem deutschen Mittelstand Sorgen. Die Unternehmen treiben die negativen Folgen um, die ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU hätte.

Von Johanna Wahl, SWR

"Das ist doch politische Folklore, was gerade passiert", schimpft Ulrich Dähne, der Geschäftsführer des Messgeräteherstellers Stabila. In seinen Augen geht es nun nur noch darum, dass niemand schuld sein will, wenn die Verhandlungen tatsächlich scheitern sollten. Stabila mit Stammsitz in südpfälzischen Annweiler produziert Wasserwaagen, Zollstöcke, Bau-Laser sowie Bandmaße und verkauft diese weltweit.

Lange Lkw-Staus - schon jetzt

"Wir haben uns längst auf einen No-Deal-Brexit eingestellt", sagt Dähne. Für das Unternehmen seien die negativen Auswirkungen bereits spürbar. Vergangene Woche startete der vorerst letzte Lkw mit Stabila-Produkten in Richtung Großbritannien. Schon jetzt seien die Fahrten für Spediteure unkalkulierbar geworden - wegen langer Rückstaus an den Grenzen, so Dähne. Stabila musste für den Lkw-Transport nach Großbritannien deshalb mehr als doppelt so viel zahlen wie vorher.

"Logistikketten sind quasi schon unterbrochen. Ein Vorgeschmack auf das, was vom ersten Januar an bevorsteht, wenn Zollpapiere abgewickelt werden müssen", prophezeit der Stabila-Geschäftsführer. Verärgert ist er vor allem über die britische Verhandlungsführung, die nicht ernsthaft an einer Übereinkunft interessiert zu sein scheine. Stabila erwirtschaftet um die 20 bis 25 Prozent seines Umsatzes in Deutschland - ungefähr genau so viel in Nordamerika. Großbritannien ist der drittwichtigste Exportmarkt für Stabila. Dort macht der Messgerätehersteller bis zu acht Prozent seines Umsatzes.

Viel bürokratischer Mehraufwand

Das mittelständische Unternehmen sieht zusätzliche Kosten und auch Extra-Aufwand auf sich zukommen. "Zollgebühren sind das eine, die Zollabwicklung das andere", sagt Dähne. Selbst wenn der Zollsatz für Bau-Laser oder Bandmaße mit vielleicht 2,7 Prozent am Ende relativ niedrig sein könnte: Im Stau stehe der Lkw an der Grenze zu Großbritannien so oder so, und das koste Zeit und Geld.

Außerdem bedeute der Brexit viel bürokratischen Mehraufwand für das Unternehmen. Und dann sind da noch weitere Sorgen, die den Stabila-Geschäftsführer umtreiben: "So verlangt Großbritannien wohl, dass auf unsere Messgeräte eine britische Anschrift gedruckt wird. Dann müssten wir beispielsweise die Wasserwaagen, die wir in das Vereinigte Königreich exportieren, gesondert bedrucken und getrennt lagern." Auch die Zertifizierung "CE" werde voraussichtlich für Großbritannien nicht mehr ausreichen, befürchtet der Stabila-Geschäftsführer.

Mehrkosten und lange Lieferzeiten

Eine andere Branche, aber ähnliche Sorgen: Auch der Musikverlag Schott befürchtet negative Auswirkungen durch den Brexit. Das Familienunternehmen aus Mainz verkauft seine Notenausgaben weltweit. Großbritannien ist für den Traditionsverlag der zweitwichtigste Markt nach Deutschland. "Plötzlich wird das Vereinigte Königreich ein Drittmarkt wie China. Jedes kleine Klavierstück für 4,99 Euro wird zollpflichtig und damit teurer für die Kunden", sagt Christiane Albiez von der Geschäftsleitung des Verlags.

Auch die Lieferzeiten an den Musikalienhandel in Großbritannien würden schwerer zu kalkulieren und sich auf jeden Fall verlängern. Von Januar an rechnet Schott erstmal mit großem logistischen Chaos. "Welcher britische Paketdienstleister ist überhaupt schon in der Lage, eine elektronische Verzollung vorzunehmen und so lange Wartezeiten beim Zoll zu vermeiden?" Das ist nur eine der Fragen, die für Albiez noch unbeantwortet sind. "Unvorstellbar, so kurz vor einem möglichen harten Brexit."

Aus Rücksendungen werden zollpflichtige Importe

Der Musikverlag verkauft nicht nur Noten, sondern vermietet auch komplette Orchesternotensätze. Ob Strawinsky oder Strauss - wenn deren Werke irgendwo in der Welt gespielt werden, sind meistens Noten aus Mainz dabei. Denn das umfangreiche Noten-Material für jedes einzelne Instrument kaufen Orchester oft nicht, sondern mieten es für die Zeit der Aufführung. In das Vereinigte Königreich versendet Schott Music im Jahr rund 4000 Pakete mit solchem Aufführungsmaterial.

"Ein kurzfristiger Programmwechsel beispielsweise von Orff zu Hindemith ist dann für Konzerthäuser künftig nicht mehr ohne weiteres möglich", fürchtet Christiane Albiez. Der Verlag werde mehr Vorlauf beim Versenden von Konzertnotensätzen nach Großbritannien einplanen müssen, und die Orchester dort müssten sich auf längere Wartezeiten einstellen. Kommen die Notensätze dann nach Verwendung zurück, würden diese simplen Rücksendungen Importe, die verzollt werden müssen, sagt Albiez. "Das ist doch aberwitzig!"

Wirtschaftseinbruch durch No-Deal-Brexit?

Der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft BVMW befürchtet als Folge des Brexits im kommenden Jahr ein Wachstumsminus von 1 Prozent für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Unterbrochene Lieferketten, Chaos an den Grenzen und jede Menge Bürokratie beim Zoll: All das werde wohl Produkte "Made in Germany" teurer machen, sagt der Chefvolkswirt des Verbandes, Hans-Jürgen Völz.

Er kritisiert die Brexit-Hängepartie gerade wegen der fehlenden Planungssicherheit für die Wirtschaft. Er prophezeit Einbußen für Unternehmen auf beiden Seiten. Der Mittelstandsverband fordert deshalb eine Einigung bis Ende des Jahres. Komme es dazu nicht, rechnet Völz mit der Wiederaufnahme der Verhandlungen im Laufe des kommenden Jahres. "Die Parteien werden an den Verhandlungstisch zurückkehren, sobald die Nachteile für die britische Bevölkerung spürbar werden."

"Strick, an dem wir uns aufhängen können"

Der Musikverlag Schott weiß noch nicht, wie hoch die zusätzlichen Kosten konkret sein werden, die in Folge des Brexits auf ihn zukommen. "Das eine sind die Zollgebühren", so Christiane Albiez, "teuer wird vor allem der zusätzliche Verwaltungsaufwand, für den wir Personal brauchen". Und das alles in einer Zeit, in der das Familienunternehmen die größte Krise in seiner 250-jährigen Geschichte durchmache. Wegen der Corona-Beschränkungen hat der Mainzer Verlag mit massiven Einnahme-Einbrüchen zu kämpfen. "Und jetzt reicht uns der Brexit den Strick, an dem wir uns aufhängen können."

Der Geschäftsführer des Messgeräteherstellers Stabila rechnet mit Umsatz-Einbrüchen zu Beginn des Jahres. Das Unternehmen hofft aber, dass sich dann im Laufe der ersten Jahreshälfte die Situation normalisiert. In diesem Herbst hatte Dähne festgestellt, dass seine britischen Kunden, Baumärkte und Großhändler, deutlich mehr Wasserwaagen und Bau-Laser geordert hatten als üblich. "Das waren richtige Hamsterkäufe."

Tochterfirma in England

Stabila selbst hat auch Vorsorge getroffen und bereits eine Gesellschaft in Birmingham gegründet, um auch im Falle eines No-Deal-Brexit in Großbritannien handlungsfähig zu bleiben. Dass ihm künftig ein europäischer Handelspartner viel Extra-Arbeit und Kosten verursachen könnte, ärgert den Geschäftsführer sehr. "Wenn wir dann eigene Wasserwaagen-Versionen nur für Großbritannien herstellen müssen, ist das doch Wahnsinn!"

Weiter Handel betreiben mit dem Land will das mittelständische Unternehmen aber auf jeden Fall. Das Vereinigte Königreich bleibe so oder so ein wichtiger Markt für den Messgerätehersteller aus Rheinland-Pfalz.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Dezember 2020 um 20:11 Uhr.

Korrespondentin

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Johanna Wahl, SWR

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