Brexit-Folgen Verzögerungen im Handel nehmen zu

Stand: 24.02.2021 19:25 Uhr

Der Warenverkehr zwischen der EU und Großbritannien dauert einer Umfrage zufolge durch den Brexit deutlich länger. Experten befürchten Lieferengpässe und steigende Preise für Verbraucher.

Seit Anfang des Jahres haben die die Verzögerungen im Handel zwischen Großbritannien und der EU deutlich zugenommen. Das geht aus einer Umfrage des Chartered Institute of Procurement & Supply (CIPS) hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Befragt wurden 350 Lieferkettenmanager in Großbritannien. 60 Prozent von ihnen gaben an, dass es inzwischen länger dauert, Waren hin und her zu bewegen als noch im Januar.

Schon länger klagen zahlreiche Unternehmen unter anderem darüber, dass es seit dem Inkrafttreten des neuen Handelsabkommens im Warenverkehr zwischen der Insel und dem Kontinent ruckelt. So gibt es etwa Berichte über stundenlange Wartezeiten bei den Grenzkontrollen.

Zum Jahreswechsel hatte Großbritannien den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verlassen. Zwar haben sich beide Seiten in ihrem mühsam vereinbarten Pakt prinzipiell auf zollfreien Handel geeinigt. Dennoch sind etliche neue Kontrollen und Formalitäten an den Grenzen notwendig, was viele Händler massiv belastet.

"Domino-Effekte" befürchtet

63 Prozent der Befragten klagten über mindestens zwei bis drei Tage Verzögerung beim Warentransport vom Kontinent nach Großbritannien. Im Januar hatten das nur 38 Prozent angegeben. Nur leicht besser ist die Situation bei Exporten von Großbritannien: Hier gaben 44 Prozent an, zwei bis drei Tage längere Lieferzeiten in Kauf nehmen zu müssen.

Wichtigster Faktor sind nach Ansicht von knapp der Hälfte der Lieferkettenmanager längere Bearbeitungszeiten durch Zollbeamte an der Grenze. "Wir sind jetzt weit im zweiten Monat der neuen Vereinbarungen, und die Hoffnung, dass sich Verzögerungen an der Grenze verringern, wenn die Frachtvolumen wieder auf ein normales Maß zurückkehren und die Zollsysteme an die neuen Prozesse angepasst werden, hat sich nicht bewahrheitet", sagte CIPS-Chefökonom John Glen.

Er fürchtet, dass die Situation sogar noch schlimmer werden könnte, wenn Übergangsfristen von britischer Seite auslaufen und weitere Importerklärungen anfallen. "Die Domino-Effekte dieser Verzögerungen werden durch die Lieferketten sickern und schließlich zu Engpässen bei Lagerbeständen und höheren Preisen für Verbraucher führen", warnte Glen.

Streit um Meeresfrüchte

Großbritannien ruft die EU derweil zu Lockerungen bei Importen auf. Das Land sieht die heimische Wirtschaft durch Importstopps für bestimmte Meeresfrüchte beschädigt. "Es gibt keine wissenschaftliche oder technische Rechtfertigung für die Europäische Kommission, den Import von lebenden Muscheln aus Gewässern der Klasse B zu verbieten", sagte eine Sprecherin des britischen Umweltministeriums auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Weichtiere aus den nach einer EU-Einteilung saubersten Gewässern der Kategorie A können in die EU importiert werden, ohne vorher noch gereinigt zu werden. Die Einfuhr von bestimmten Schalentieren - etwa der Klasse B - unter anderem aus Großbritannien ist dagegen verboten. Begründung ist, dass nach dem EU-Austritt Lebensmittelstandards und Überwachung abweichen könnten und diese Meeresfrüchte gesundheitlich besonders heikel seien. Die meisten britischen Gewässer gehören zur Klasse B.

"Das wirkt sich schon jetzt auf Unternehmen aus und schädigt Märkte auf beiden Seiten des Kanals", betonte die britische Ministeriumssprecherin. Man verlange dringend eine Lösung dieses Problems und habe die Kommission zu einem Treffen aufgefordert. Einem Bericht des "Telegraph" zufolge sollen in britischen Regierungskreisen als Reaktion bereits mögliche Beschränkungen für den Import von EU-Produkten nach Großbritannien diskutiert werden. Dafür gab es zunächst jedoch keine Bestätigung. Das Ministerium verwies stattdessen auf Regeln für den Import von EU-Produkten nach Großbritannien, die im Laufe des Jahres auslaufen könnten. Man werde diese stetig "überprüfen".

EU will Verbesserungen ausloten

Die EU will die durch den Brexit entstandenen Probleme im Handel zwischen ihr und Großbritannien so weit wie möglich reduzieren. "Gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich werden wir schauen, wo es noch Raum für Verbesserungen bei der Anwendung des Handelsabkommens" gibt, sagte Europastaatsminister Michael Roth am Dienstag am Rande einer Videoschalte mit EU-Amtskollegen.

Zugleich machte der SPD-Politiker deutlich, dass zumindest ein Teil der Schwierigkeiten nicht überraschend kam: "Es war unvermeidlich, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU und dem Binnenmarkt zu einem Bruch der Verbindungen führen würde, die wir über mehr als 40 Jahre aufgebaut hatten."

Von der EU wurde Großbritannien zuletzt eine mangelnde Umsetzung von Brexit-Absprachen vorgeworfen. So kritisierte EU-Kommissionsvize Maros Sefcovic, dass Vereinbarungen zur Kontrolle des Warenverkehrs zwischen Nordirland und den anderen Teilen des Vereinigten Königreichs nicht eingehalten würden. Zudem bemängelte er eine Fehlinformation von Händlern und fehlenden Zugriff von EU-Vertretern auf Zolldaten.

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