Lieferengpässe aus China Containermangel sorgt für Streit

Stand: 10.02.2021 18:53 Uhr

Seit Wochen führen fehlende Schiffscontainer und Verzögerungen zu Lieferengpässen aus China. Während die Reedereien starke Zahlen vorlegen, müssen Händler hohe Transportpreise zahlen.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Im Corona-Lockdown ist die Nachfrage nach Konsumgütern zuletzt sprunghaft gestiegen. Viele Menschen wollen sich die eigenen vier Wände aufpolieren oder suchen sich neue Beschäftigungen. Dadurch kletterten die Verkaufszahlen von Möbeln, Sportgeräten, Baumarktartikeln oder auch Gesellschaftsspielen rasant in die Höhe.

Besonders der Onlinehandel brummt. So stieg 2020 der Umsatz mit Waren im E-Commerce gegenüber dem Vorjahr um fast 15 Prozent auf mehr als 83 Milliarden Euro, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) jüngst mitteilte. Ein Teil dieser Produkte kommt aus China und muss auf Schiffen transportiert werden. Doch die Nachfrage ist so hoch, dass Container und Stellplätze fehlen.

Reedereien mit starken Zahlen

Von den gestiegenen Frachraten und dem knappen Angebot profitieren vor allem Reedereien, wie etwa die Zahlen der weltgrößten Containerreederei A.P. Moller-Maersk zeigen. Maersk erwarte für das erste Quartal 2021 und auch für das abgelaufene Gesamtjahr wegen der höheren Nachfrage nach Containerschiffen einen Gewinnanstieg, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Der dänische Konzern rechnet für 2020 mit einer Steigerung von 8,3 auf 8,5 bis 10,5 Milliarden Dollar.

Im vierten Quartal des vergangenen Jahres betrug das Plus beim operativen Ergebnis (Ebitda) satte 85 Prozent und übertraf mit 2,71 Milliarden Dollar alle Prognosen. Auch Deutschlands größte Reederei Hapag-Lloyd meldete vor zwei Wochen einen deutlich höheren Gewinn als in den Vorjahren. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sprang um etwa 60 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Euro.

Das begrenzte Angebot von Containern und Stellplätzen ließ die Preise für die Verschiffung nahezu explodieren. Allein von November bis Mitte Januar verteuerten sich die Frachten zwischen China und Nordeuropa um das Drei- bis Vierfache. Teilweise kosteten Buchungen von 40-Fuß-Containern auf der Strecke mehr als 9000 Dollar - statt 2000 Dollar wie noch wenige Wochen zuvor.

Auch für den Transport eines 20-Fuß-Containers zahlen Händler nach Angaben des Shanghai Containerized Freight Index (SCFI) aktuell mehr als 4000 Dollar und damit viermal so viel wie vor einem Jahr.

Hohe Nachfrage kam unerwartet

"Die Nachfrage nach Konsumgütern hat sich weltweit viel positiver entwickelt als von Experten vermutet", erklärt Christian Denso, Pressesprecher des Verbands Deutscher Reeder (VDR), im Gespräch mit tagesschau.de. Auch im zweiten Halbjahr sei mit einem zweistelligen Rückgang wie im März zu Beginn der Corona-Krise gerechnet worden. Damals seien bei einem Nachfrageeinbruch von 20 Prozent sehr viele Schiffe beschäftigungslos gewesen. Medienberichten zufolge lag zu der Zeit 14 Prozent der weltweiten Frachtflotte vor Anker.

Doch stattdessen habe sich die Weltwirtschaft im Laufe des Jahres wieder enorm gedreht und im vierten Quartal teilweise über dem Niveau von 2019 gelegen, so Denso. "Alle Menschen sitzen zu Hause, können keinen Urlaub buchen und bestellen deshalb Hometrainer oder Regalbretter." Diese gewaltige Menge könne die Schifffahrt einfach nicht leisten.

"Spätestens seit Herbst sind wieder alle Schiffe im Einsatz und die Unternehmen bringen zusätzliche Boxen auf den Markt", betont der Verbandssprecher. Auch die Frachter, die im Frühjahr aufgrund einer stabilen Nachfrage in den USA auf andere Routen verteilt wurden, seien wieder auf ihrer normalen Strecke unterwegs. Trotzdem seien auf der Asien-Route alle Kapazitäten ausgelastet.

"Leider sind die Schiffe nicht so flexibel, dass man sagen kann: Diese Woche transportiere ich zehntausend Container und nächste Woche zwanzigtausend", sagte auch Hapag-Lloyd-Chef Habben Jansen am Freitag im Podcast mit der "Wirtschaftswoche". Jede Woche bekomme der Konzern zwei- bis viermal mehr Buchungen als eigentlich möglich sind.

Margen für Händler schrumpfen

Die mangelnde Verfügbarkeit von Containern, Verzögerungen an asiatischen Häfen und die hohen Preise bemerken vor allem Händler, Importfirmen und Speditionen. "Im vierten Quartal lagen die Frachtraten auf Rekordniveau. Gleichzeitig waren die Kosten bis zu dreimal höher als vorher vereinbart", kritisiert Patrik Marquardt, Abteilungsleiter Verkehr und Logistik beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA). Der Shanghai Containerized Freight Index (SCFI), der die Entwicklung der Frachtraten für Container von Fernost nach Nordeuropa abbildet, befinde sich auf einem Fünf-Jahres-Hoch.

Dafür stünden nicht genügend Behälter zur Verfügung. "Das liegt auch daran, dass sich einige Container nach der Verlagerung im ersten Lockdown noch nicht wieder im Kreislauf befinden, sondern stattdessen im irgendwo Hinterland stehen", so der Experte.

Die Lieferengpässe würden besonders günstige Waren wie Konserven mit Ananas oder Mais sowie zum Beispiel Schrauben betreffen. "Die Preise grenzen an Wettbewerbsverzerrung und fressen die Margen dort teilweise komplett auf", meint Marquardt gegenüber tagesschau.de. Zudem fehle es den Händlern an Planungssicherheit. Es sei nicht ersichtlich, mit welchen Kosten für das laufende Jahr kalkuliert werden müsse.

Diese Sorgen machten der BGA und der Handelsverband Deutschland (HDE) auch in einem Brief an das Bundeswirtschaftsministerium deutlich, der am Dienstag verschickt wurde.

Beschwerden erreichen die EU

Schon seit dem Jahreswechsel ist die Debatte über die hohen Preisforderungen auch ein politisches Thema. So legten der europäische Speditionsverband Clecat und der europäische Industrieverband European Shippers' Council (ESC) Beschwerde bei der Europäischen Kommission ein.

Dabei geht es um die Verletzung bestehender Verträge durch die Reedereien, die "Schaffung unangemessener Bedingungen für die Annahme von Buchungen" sowie eine einseitige Festlegung von Sätzen, die weit über den in den Verträgen vereinbarten Frachtraten liegen würden.

Die Verbände monieren, dass die Reedereien die ihnen zugestandenen Möglichkeiten ausnutzten. "Ebenso werden Verlader und Spediteure damit konfrontiert, dass ihre Transporte verschoben werden, wenn andere Speditionen höhere Frachtraten bieten", heißt es in dem Schreiben. Zudem sei auch die Erhebung einer zusätzlichen Gebühr als Preis für die Annahme von Fracht inakzeptabel.

Angebot und Nachfrage

Die Reedereien wehren sich gegen die Kritik. Verbandssprecher Denso betont gegenüber tagesschau.de: "Dass Reedereien künstlich die Preise hochtreiben, weisen wir entschieden zurück. Wie in anderen Branchen regeln Angebot und Nachfrage den Preis." Die Neuverträge seien aktuell teuer, langfristige Mietverträge aber überhaupt nicht betroffen.

Im Schnitt seien die Frachtraten im Vergleich zum Vorjahr lediglich um vier Prozent gestiegen, sagte auch Hapag-Lloyd-Chef Jansen der "Wirtschaftswoche". Es gehe vor allem um die Boxen auf dem letzten Platz der Schiffe. Viele Lieferungen würden auf Basis bestehender Verträge ablaufen.

BGA-Vertreter Marquardt hält dagegen: "Es kommt durchaus in einigen Fällen vor, dass durch Verzögerungen neue Container genutzt werden müssen, über die dann zu hohen Preisen neu verhandelt wird." Somit würden vereinbarte Kontrakte nicht eingehalten werden.

Patrik Marquardt, Abteilungsleiter Verkehr und Logistik beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA)
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Patrik Marquardt vom Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA) kritisiert die Reedereien.

Trifft es letztlich die Verbraucher?

In den vergangenen Jahren sei das Preisniveau für Schiffstransporte allerdings sehr niedrig gewesen, weil zu viele Kapazitäten verfügbar waren, so der VDR. Lange hätten die Reedereien infolge der Finanzkrise zu kämpfen gehabt und kaum Gewinne erzielt. "Es gibt weit weniger Reedereien als noch vor fünf Jahren", ergänzt Denso.

Auch wenn das nicht bedeute, dass weniger Schiffsraum verfügbar sei, sei es dennoch "in vielen Bereichen einfach schwierig, nachzujustieren". Zudem stelle sich die Frage, wie nachhaltig die aktuelle Entwicklung ist. Ob sich ein langfristiger Ausbau der Kapazitäten lohne, könne niemand mit Sicherheit sagen.

Damit bleibt fraglich, wann sich die Probleme auf den Weltmeeren wieder entspannen. Hapag-Lloyd beauftragte zwar kurz vor Weihnachten eine koreanische Werft, sechs Großcontainerschiffe zu bauen. Die Auslieferung soll allerdings erst 2023 erfolgen.

Ob die anhaltend hohen Kosten für die Händler letztendlich an die Käufer in den Geschäften weitergegeben werden, kann Handelsexperte Marquardt nicht vorhersagen: "Der Wettbewerb ist hart, es ist aber gut möglich, dass sich die gestiegenen Kosten zumindest teilweise im Preis niederschlagen."

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