Handel mit Großbritannien Wie der Brexit Exporteure trifft

Stand: 01.02.2021 18:59 Uhr

Schon seit Beginn der Brexit-Debatte gehen deutsche Exporte nach Großbritannien zurück. Zollformalitäten erschweren den Handel seit Jahresbeginn zusätzlich - wie das Beispiel Saarland zeigt.

Von Karin Mayer, SR

Die Alu-Gießerei Nemak in Dillingen/Saar hat ein Kunststück geschafft. Während bundesweit die Exporte nach Großbritannien schrumpfen, ist bei ihr der Anteil des Großbritannien-Geschäfts gestiegen. Jeder fünfte Motorblock wird ins Vereinigte Königreich geliefert. Werksleiter Marc Speicher sagt trotzdem: Wir hatten uns mehr erwartet. Die Produktionsmenge sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Ob das mit dem Brexit zu tun hat oder mit sinkenden Auto-Käufen in der EU und der Abkehr vom Verbrennungsmotor? Fakt ist: Die Zollvorschriften machen das Geschäft komplizierter, bestätigt Werksleiter Speicher. Ob es gelinge, die zusätzlichen Kosten weiterzugeben, sei unklar. Wichtig für ihn: Verzögerungen in der Lieferkette durch Wartezeiten an der Grenze gab es bisher nicht.

Probleme mit der Logistik

Was bei Speicher verhältnismäßig harmlos klingt, war für den Transportdienstleister DBSchenker deutlich dramatischer. Mitte Januar nahm die Bahn-Tochter keine neuen Lieferungen nach Großbritannien mehr an. Der Grund: fehlende oder fehlerhafte Zollpapiere. Vor allem den Empfängern der Sendungen sei nicht bewusst gewesen, dass sie vollständige Zollpapiere vorlegen müssen, sagt DBSchenker-Sprecher Fritz Esser. Die Folge: Lkw-Touren nach Großbritannien dauerten fünf statt drei Tage. Inzwischen nimmt das Unternehmen wieder Pakte nach Großbritannien an. Zuvor hatte bereits DPD den Versand auf die Insel zeitweise gestoppt.

Mehr Beratungsbedarf bei Unternehmen

Infolge des Brexit habe die Unsicherheit bei Unternehmen zugenommen, heißt es von der Industrie- und Handelskammer (IHK) des Saarlandes. Es gebe mehr Beratungsbedarf. Geschäftsführer Oliver Groll berichtet von Anfragen zu Zollbedingungen und zu Aufenthaltsgenehmigungen für britische Mitarbeiter, die seit dem Brexit erstmals Aufenthaltsgenehmigungen brauchen. Allerdings sieht die IHK nach dem Brexit auch die Chance, britische Unternehmen in Deutschland anzusiedeln, die wegen der Zollbestimmungen eine Niederlassung in der EU errichten möchten.

Großbritannien gehört zu den fünf wichtigsten Exportländern für Deutschland - wenn auch mit einer klaren Abwärtstendenz. Vor dem Brexit-Votum lag die Insel bundesweit noch auf dem dritten Platz der wichtigsten Handelspartner. 2015 wurden Waren im Wert von 89 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert - seither sinkt das Volumen kontinuierlich: 2019 waren es noch 79 Milliarden Euro. Im Jahr 2020 gingen die Exporte von Januar bis Oktober laut DIHK um weitere 18,5 Prozent zurück, auch wenn diese Entwicklung stärker durch die Corona-Pandemie als durch den Breit bedingt sein dürfte. Wichtigste Exportprodukte aus Deutschland nach Großbritannien sind Autos und Autoteile.

Ford-Werk bekommt Auswirkungen zu spüren

Besonders betroffen von den Folgen des Brexit ist auch das Ford-Werk Saarlouis, in dem der Focus gefertigt wird. "Traditionell ist Großbritannien der wichtigster Absatzmarkt für das Auto", bestätigt ein Ford-Sprecher. Die Brexit-Debatte und fallende Pfund-Kurse waren für das Werk früher ein Problem als für andere Unternehmen. Der Markt schrumpfte, allerdings nicht nur wegen des Brexits. Der Umbruch in der Autobranche, die Suche nach neuen Antrieben, weniger Pkw-Verkäufe und ein Ford-internes Sparprogramm kamen dazu.

Logo des Autoherstellers Ford | Bildquelle: REUTERS
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Die Auswirkungen des Brexit sind im Ford-Werk in Saarlouis deutlich zu spüren.

Ein Ergebnis für den Standort: Die Nachtschicht wurde im Jahr 2019 gestrichen, 1500 Jobs gingen verloren. Wie groß der Anteil des Brexits an dieser Entwicklung ist, sei schwer zu beziffern, sagt ein Insider. Aktuell hat das Werk dazu noch ganz andere Probleme. Weil die Halbleiter für Elektronikteile fehlen, steht die Produktion komplett still. Welche zusätzlichen Probleme die Zollformalitäten machen, wird sich erst zeigen.

Im Saarland war Großbritannien im Jahr 2015 noch wichtigster Handelspartner. Die Exporte betrugen 2,7 Milliarden Euro. Zu 80 Prozent werden Autos und Fahrzeugteile gehandelt. Bis 2019 brachen die Exporte nach Großbritannien aus dem Saarland um 40 Prozent ein und betrugen noch 1,6 Milliarden Euro. Berücksichtigt man auch das Corona-Jahr 2020, sind es sogar 60 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Februar 2021 um 09:29 Uhr.

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