Blick auf einen Schreibtisch im Homeoffice | Bildquelle: dpa

Homeoffice-Pflicht Schweiz und Belgien machen es vor

Stand: 18.01.2021 17:24 Uhr

Während in Deutschland noch über eine Homeoffice-Pflicht diskutiert wird, ist sie in zwei Nachbarländern bereits Realität: In der Schweiz gilt sie seit dieser Woche, in Belgien sogar schon seit dem Herbst.

Schweiz: Sozialdemokraten und Gewerkschaften setzen sich durch

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

"Ab ins Homeoffice" - so lässt sich eine der von der Regierung in Bern beschlossenen Regelungen zusammenfassen. Deren Wortlaut: "Die Arbeitgeber sind verpflichtet, Homeoffice überall dort anzuordnen, wo dies aufgrund der Art der Aktivität möglich und mit verhältnismäßigem Aufwand umsetzbar ist."

Klar ist: Umsetzbar ist die Vorgabe der Regierung nur für Leute mit Bürojobs. Unklar war zunächst: Was ist gemeint mit "verhältnismäßig"? Erich Scheidegger vom Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft nennt Beispiele: "Nehmen Sie einen Dienstleistungsbetrieb in der Finanzindustrie mit hochspezialisierten Arbeitsplätzen, da ist es nicht zumutbar, dass sie einen solchen Arbeitsplatz mit sieben Monitoren und einer ganzen IT, die dahintersteckt, zu Hause installieren." Hingegen sei es in einem normalen Dienstleistungsbereich oder auch bei der Bundesverwaltung absolut zumutbar, diese Arbeitsplätze zu Hause einzurichten.

Die Schweizer Regierung, die im Kampf gegen das Coronavirus stets auch stark auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger gesetzt hatte, betonte nun, es handele sich bei der Homeoffice-Regelung um eine "Muss"-Bestimmung. Gesundheitsminister Alain Berset, ein Sozialdemokrat, hatte sich mehrmals für die Homeoffice-Pflicht eingesetzt, doch im bürgerlichen Lager war man dagegen. Angesichts der Angst vor mutierten, stärker ansteckenden Virusvarianten wurde die Pflicht nun doch beschlossen.

Auch der Schweizerische Gewerbeverband SGV hatte sich gegen eine Pflicht zur Heimarbeit stark gemacht. Sie käme einem partiellen Lockdown für Betriebe gleich, die besonders kleine und mittlere Unternehmen stark belaste. Dagegen begrüßt man beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB die Homeoffice-Pflicht. Sie sei ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Pandemie und für den Gesundheitsschutz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Besonders gelobt wird eine Extra-Regelung für besonders gefährdete Personen: Diese hätten jetzt nicht nur das Recht auf Homeoffice, sondern auch einen Anspruch auf Lohnersatz, falls sie sich im Betrieb nicht sicher fühlen und deshalb zu Hause bleiben.

Laut einer Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte stieg der Anteil der Beschäftigten in der Schweiz, die pro Woche mindestens einen halben Tag von zu Hause arbeiten, seit Beginn der Corona-Krise von fünfundzwanzig auf fünfzig Prozent.

Belgien: Viele Ausnahmen, hohe Akzeptanz

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

In Belgien ist Telearbeit Pflicht - überall dort, wo es möglich ist. Die Regelung galt während des ersten Lockdown im Frühjahr und nun erneut seit Ende Oktober. Die Regierung hat alle Unternehmen angewiesen, dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter am heimischen Schreibtisch arbeiten können. Wer online arbeiten kann, soll nicht an den Arbeitsplatz kommen. Seitdem müssen die Unternehmen nicht nur Hygienekonzepte erstellen, sie müssen auch festlegen, welche Arbeitnehmer wirklich im Betrieb anwesend seine müssen und wer seine Aufgaben zu Hause erledigen kann.  

Trotz der geltenden Homeoffice-Pflicht gibt es viele Ausnahmen. Fabriken und Handwerksbetriebe können nicht auf Heimarbeit umstellen, das liegt auf der Hand. Aber auch sämtliche medizinische Einrichtungen sind ausgenommen, ebenso der Einzelhandel. Denn anders als in Deutschland sind die Geschäfte in Belgien geöffnet. Auch bei den Jobs, die für Homeoffice in Frage kommen, gelten mehrere Einzelfall-Regelungungen. So heißt es im Arbeitsministerium, manchmal sei es auch in den Büros nötig, dass man sich hin und wieder trifft.

Die vielen Unterschiede von Branche zu Branche machen die Kontrollen schwierig. Arbeitssicherheitskontrollen in den Betrieben werden immer auch mit der Frage verknüpft, ob die Corona-Vorschriften eingehalten werden. Dabei habe sich gezeigt, dass noch mehr Betriebe auf Telearbeit umstellen könnten. Wer das trotz Ermahnung durch die Kontrolleuere nicht tut, muss mit Geldstrafen rechnen, die möglicherweise noch einmal deutlich erhöht werden könnten.

Inzwischen arbeiten laut einer Umfrage rund 30 Prozent der Arbeitnehmer in Belgien im Homeoffice. Weitere 13 Prozent arbeiten zumindest tageweise von zu Hause aus. Hintergrund der Homeoffice-Pflicht in Belgien war nicht so sehr die Sorge, dass die Menschen sich in den Betrieben infizieren. Es ging der Regierung eher darum, die Kontakte in den öffentlichen Verkehrsmitteln so weit wie möglich zu reduzieren.

Die Akzeptanz ist in Belgien relativ groß. Zwar gibt es zunehmend Berichte über psychische Belastungsprobleme und fehlende Kontakte zu den Kollegen. Aber gerade Eltern von Schulkindern können ihren Alltag besser organisieren als beispielsweise in Deutschland. Die meisten Vorschulen und auch die Grundschulen sind geöffnet, so dass die gefürchtete Doppelbelastung aus Homeoffice und Homeschooling seltener ist. Und zur Akzeptanz hat auch geführt, dass die Infektionszahlen seit Einführung der Homeoffice-Pflicht wochenlang nach unten gingen.

Wird im Homeoffice weniger geleistet als am Arbeitsplatz im Betrieb? In dieser Streitfrage prallen auch in Belgien die Meinungen aufeinander. Fast die Hälfte der Arbeitgeber - 45 Prozent - glaubt, dass Homeoffice negative Folgen für die Produktivität der Mitarbeiter hat. Dagegen vertreten 46 Prozent der Arbeitgeber den Standpunkt, es habe überhaupt keine spürbaren Auswirkungen auf die Leistungen, egal, ob die Mitarbeiter im Büro oder zu Hause im Einsatz sind.

Schweiz verschärft Maßnahmen: Aus Homeoffice-Empfehlung wird Pflicht
Dietrich Karl Mäurer, ARD Zürich
18.01.2021 21:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. Januar 2021 um 11:00 Uhr.

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