Gastronomen demonstrieren im polnischen Zakopane gegen den Corona-Lockdown | Bildquelle: Agencja Gazeta via REUTERS

Gastronomie in Polen Widerstand gegen den Lockdown

Stand: 18.01.2021 17:01 Uhr

In Polen wollen sich manche Gastwirte und Hoteliers den gerade erst verlängerten Corona-Beschränkungen widersetzen - und ihre Betriebe wieder aufmachen. Die Behörden halten dagegen.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

In der Region Tatra, einer polnischen Bergregion, regt sich Protest. Mehrere hundert Unternehmer dort wollen die coronabedingten Schließungen nicht mehr hinnehmen und wieder aufmachen. Ihre Bewegung nennt sich "OtwieramMY" ("Wir öffnen") und wendet sich gegen die ökonomischen Folgen der Schließungen von Restaurants, Hotels, Fitnessstudios und Skipisten.

Die Urlaubsregion leidet besonders unter dem fehlenden Tourismus. Ihr Anführer Sebastian Piton sieht darin die "letzte Chance", um gegen die Regierungspolitik vorzugehen. Er wolle den "Wahnsinn" stoppen, "der die Mittelschicht, kleine und mittlere Unternehmen zerstört", sagt er. So planen seit Beginn dieser Woche zahlreiche Unternehmen wieder zu öffnen. Zu finden sein sollen diese Betriebe auch auf einer Karte im Internet.

Staatliche Hilfen reichen nicht

Die polnische Regierung hatte Unterstützung in Höhe von umgerechnet mehr als 250 Millionen Euro für notleidende Unternehmen versprochen. Das sei jedoch zu wenig, kritisiert Piton. Durch die Beschränkungen ist der Tourismus vielerorts fast zum Erliegen gekommen. Hotels zu, Skilifte stillgelegt, kaum Besucher. Restaurants dürfen zwar, ähnlich wie in Deutschland, ihre Gerichte zum Mitnehmen anbieten, aber die Kundschaft fehlt.

Viele Betriebe, die primär vom Tourismus leben, seien schon in den Ruin getrieben worden, erzählt der Gründer der Bewegung. Das Skigebiet Zakopane im Süden Polens hat eine Erklärung veröffentlicht, in der es auf die Probleme hinweist, die durch den wegbrechenden Tourismus für die ortsansässigen Familien und Bewohner entstanden seien. 85 Prozent der Einwohner lebten vom Tourismus, heißt es, und die jetzige Situation sei ein Drama.

Regierung verweist auf Pandemiegefahren

In der polnischen Regierung zeigt man Verständnis für die Existenzsorgen in Corona-Zeiten. Der Regierungssprecher Piotr Muller sagt aber, jetzt zu öffnen "würde die Fallzahlen radikal steigern und leider auch die Todeszahlen". Polen hat in diesen Tagen Neuinfektionszahlen von knapp unter 4000 und mehr als 50 Todesfälle. Die Erkrankungszahlen sinken inzwischen, denn sie lagen noch vor kurzer Zeit bei rund 10.000 Fällen. Das sind zwar weniger als in Deutschland, aber Polen hat auch nur etwa halb so viele Einwohner, und es sterben vergleichsweise viele Menschen an oder mit Covid-19.

Erleichterung in der Pandemie sollen schon bald die Impfungen bringen. In Polen haben die kostenlosen Corona-Impfungen Ende des vergangenen Jahres begonnen. Zuerst soll jetzt medizinisches Personal wie Ärzte und Laboranten geimpft werden. Danach folgen in mehreren Stufen ältere Menschen sowie Lehrer, Polizisten und Feuerwehrleute. Erst in der letzten Phase sind dann alle über 18-Jährigen dran. Bisher wurden etwa 470.000 Menschen geimpft, und noch geht es eher langsam voran.

Wenn es so weiter ginge wie bisher, würde es wohl sieben Jahre dauern, 70 Prozent der Bevölkerung zu immunisieren, meinen Kritiker. Doch das Tempo soll sich von Woche zu Woche erhöhen, verspricht die polnische Regierung. In Polen gibt es keine Impfpflicht, aber einer Umfrage zufolge wollen sich fast 70 Prozent der Menschen impfen lassen, wenn es denn möglich ist.

Strafen für öffnende Betriebe

Die Polizei und die Sanitätsaufsichtsbehörde haben bereits massive Kontrollen angekündigt. Den Unternehmern, die am Montag aufmachen, drohen Strafen bis zu 30.000 Zloty, das sind umgerechnet etwa 7500 Euro. Am Samstag öffnete bereits ein indisches Restaurant in der Altstadt von Thorn. Die Besitzer sagten, das sei ihre letzte Chance, um finanziell zu überleben. Am Nachmittag kamen die Polizei und Beamte der Aufsichtsbehörde. Jetzt könnte eine Strafe folgen.

Vize-Ministerpräsident Jaroslaw Gowin warnte jüngst, dass die rebellischen Unternehmen vom Schutzschild der staatlichen Corona-Hilfsprogramme ausgeschlossen werden könnten. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki verwies auf den Februar. Er hoffe, dass es dann erste Lockerungen geben werde. Er sei im Gespräch mit den Unternehmern. 

Noch im Frühjahr hatte Polen vergleichsweise niedrige Covid-19-Zahlen verzeichnet. Doch seit Herbst stieg die Zahl der Erkrankungen stark an und lag zum Jahresende deutlich über den Frühjahrswerten. Als Folge haben sich inzwischen auch die Einschätzungen zur wirtschaftlichen Entwicklung verändert. Laut EU hatte Polen mit 3,6 Prozent im zurückliegenden Jahr die höchste Inflationsrate Europas. Die Staatsverschuldung steigt. Die wirtschaftlichen Einbußen könnten nach Angaben der EU-Kommission aber insgesamt geringer ausfallen als gedacht.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 18. Januar 2021 um 12:36 Uhr.

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