Krise der türkischen Wirtschaft Gerade so über die Runden kommen

Stand: 18.04.2021 15:51 Uhr

In der Türkei haben viele Menschen ihren Job verloren, staatliche Unterstützung ist knapp: Vor allem die zahlreichen unregistrierten Arbeiter trifft die Corona-Krise hart.

Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Auf dem großen Platz vor dem Istanbuler Bazar-Viertel ist gut was los, aber lange nicht so viel wie vor der Pandemie: ein paar arabische Touristen und Einheimische, die sich fürs Fastenbrechen eindecken oder einfach nur in der Sonne sitzen. Ali steht an seiner kleinen Ölpresse und wartet vergeblich auf Kundschaft. Normalerweise arbeitet er sieben Tage die Woche und kriegt rund 3000 Lira, das sind etwas mehr als 300 Euro. Damit kommt er gerade so über die Runden. Aber jetzt ist am Wochenende Lockdown. "Darum arbeite ich nur fünf Tage die Woche und bekomme 100 Lira am Tag, macht ungefähr 2000 Lira im Monat", sagt Ali. "Das reicht nicht aus, um meine Familie zu versorgen. Aber was soll ich machen? Wir alle haben uns an diese Umstände gewöhnt."

Keine Schutz durch staatliche Sozialversicherung

Einen Ausgleich vom Staat, der den Lockdown ja angeordnet hat, bekommt er nicht. "In der Türkei ist es sehr verbreitet, dass man bei kleinen Unternehmen nicht angemeldet arbeitet, zum Beispiel in Restaurants, kleinen Hotels oder Werkstätten", sagt der Istanbuler Wirtschaftsexperte Baris Soydan. Schätzungsweise 30 Prozent der Arbeiter seien nicht registriert - und damit ohne Sozial- und Arbeitslosenversicherung, so wie Ali. Rund 2,5 Millionen Arbeiter mit einer festen Anstellung seien von ihren Chefs in den unbezahlten Urlaub geschickt worden, berichten türkische Medien. Denen zahle der Staat rund 1000 Lira im Monat, also gut 100 Euro.

Müge sitzt ein paar Häuser weiter hinter der Ladentheke ihres kleinen Geschäfts. Es ist voller türkischer Süßigkeiten - allerdings ist kein einziger Kunde zu sehen. "Wir hatten vor der Pandemie zwei Läden, noch einen gleich eine Straße weiter", sagt sie. "Den mussten wir schließen, die Rollläden sind unten. Momentan versuchen wir uns hier mit diesem Laden über Wasser zu halten."

Kündigungen trotz des Verbots

Die 40-Jährige hätte Mietzuschuss beantragen können, rund 100 Euro. Aber das würde bei der hohen Miete, die sie hier im Touristenviertel zahlen muss, nicht ins Gewicht fallen, sagt sie. Darum hat sie den Zuschuss erst gar nicht beantragt: "Wir kriegen staatliche Unterstützung bei den Versicherungsbeiträgen der Angestellten. Und bei der Einkommensteuer gibt es Ermäßigungen und Stundung. Das war's dann aber."

Müge hat fünf Mitarbeiter. Deren Gehälter habe sie nicht gekürzt, sagt sie - obwohl die Arbeitszeiten durch den Wochenend-Lockdown und die Ausgangssperren ab dem frühen Abend deutlich kürzer sind. "Zwei Monate lang haben wir Kurzarbeitergeld in Anspruch nehmen können. Es hieß, das würde bis Juni verlängert. Dann haben sie es aber doch beendet. Das ist vorbei."

Eigentlich hat der Staat verboten, Arbeitern während der Pandemie zu kündigen. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes haben trotzdem etwa 250.000 Menschen allein im Februar ihren Job verloren.

Keine Leitzinssenkung

Die Türkei ist lediglich vor einem Jahr in einen kompletten Lockdown gegangen, der damals knapp drei Monate ging. Seitdem blieben die Geschäfte weitgehend offen. Restaurants, Cafes und Bars sind immer wieder mal geschlossen, wie auch jetzt während des Ramadan. "Letztes Jahr, also 2020, ist die Wirtschaft in der Türkei um 1,8 Prozent gewachsen, in Deutschland zum Beispiel ist sie dagegen geschrumpft", sagt der Wirtschaftsexperte Soydan. "Rein makroökonomisch lief es hier also okay, für die Bevölkerung aber nicht."

Die Inflation liegt aktuell bei über 16 Prozent. Auch darum schauten viele Türken darauf, welche Entscheidung der neue Chef der Notenbank Sahap Kavcioglou am Donnerstag traf. Dem Wunsch von Präsident Erdogan, den Leitzins zu senken, kam die Notenbank nicht nach.

Experte Soydan warnt vor einem weiteren Knackpunkt: der kommenden Urlaubssaison. "Es könnte sein, dass dieses Jahr weder aus Deutschland noch aus Russland viele Touristen kommen", sagt er. "Wenn das der Fall sein sollte, würden deutlich weniger ausländische Devisen - also Euro und Dollar - in die Türkei gelangen."

Und die braucht das Land - gerade jetzt in der Pandemie. Und die Kellner, Zimmermädchen, Barkeeper und Animateure brauchen die Jobs. Im Moment kämpft die Türkei allerdings mit Rekordwerten von rund 60.000 Neuinfektionen am Tag. Da fällt es vielen schwer, an eine erfolgreiche Urlaubssaison zu denken.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. April 2021 um 13:49 Uhr.

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