Wirtschaftsweise Grimm Klimaökonomin drückt aufs Tempo

Stand: 01.04.2021 09:58 Uhr

Die renommierte Ökonomin Veronika Grimm berät seit einem Jahr als eine der Wirtschaftsweisen die Bundesregierung. Klimaschutz ist eines ihrer zentralen Themen - auch in der Corona-Krise.

Von Tina Wenzel, BR

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm ist eine stark gefragte Expertin mit vollem Terminkalender. Die Volkswirtin berät die Bundesregierung, leitet den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg und steht an der Spitze eines interdisziplinären Energiezentrums. In ihr Büro an der Uni ist sie mit dem Fahrrad gekommen. So oft es geht, nutzt sie ihr Rennrad.

Die Ökonomin drückt beim Klimaschutz aufs Tempo. Unter anderem fordert sie, den Preis für CO2 weiter anzuheben. Gleichzeitig soll der Strom aus erneuerbaren Energieträgern billiger werden, indem Abgaben und Umlagen verringert werden. "So haben klimafreundlichere Geschäftsmodelle bessere Chancen", sagt Grimm. Ihre Expertise ist auch in das Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen eingegangen unter dem Kapitel: "Klimaschutz als industriepolitische Chance".

Kinder und Jugendliche: Verlierer in der Krise

Nach der Arbeit stünde sie normalerweise auf dem Fußballplatz. Die dreifache Mutter trainiert seit sechs Jahren eine Jugendmannschaft. Das Training findet wegen der Corona-Pandemie aber schon lange nicht mehr statt. "Den Kindern fehlt die sportliche Betätigung, der Zusammenhalt", berichtet Grimm. Gleichzeitig sorgt sich die Expertin um den Bildungsstand vieler Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Finanziell schlecht gestellten Familien fehle häufig schlicht das Geld für Computer oder Laptops, die fürs Homeschooling benötigt werden, oder ein ruhiger Platz zum Lernen. Die Kinder und Jugendlichen würden so durch das digitale Schulsystem nicht erreicht.

"Die Schülerinnen und Schüler sind diejenigen, die unsere Gesellschaft morgen voranbringen sollen. Wir brauchen sowohl ihre Kompetenzen, als auch ihre Motivation. Und beides wird bei vielen im Moment nicht angesprochen", kritisiert Grimm. Jetzt müsse mehr für die Kinder und Jugendlichen getan werden, mahnt die Wirtschaftsweise, sonst werden einige von ihnen im schlimmsten Fall dauerhaft abgehängt.

Aufs Impfen kommt es an

In der Pandemie sind die Meinungen der Wirtschaftsweisen stark gefragt. Wie kann die Konjunktur nach der Corona-Krise wieder in Schwung kommen? Welche Reformen sind jetzt wichtig? Zuletzt musste der Expertenrat seine Konjunkturprognose für das Jahr 2021 nach unten korrigieren. Durch die dritte Welle werde sich die wirtschaftliche Erholung verzögern, rechnen die Ökonomen. Wichtig sei jetzt der Impffortschritt. "Wenn das Impfen schneller vorangeht, geht es mit der Konjunktur schneller bergauf", sagt Grimm. Mehr und mehr Bereiche des wirtschaftlichen Lebens könnten geöffnet werden.

Die Wirtschaftsweise zeigt dazu Diagramme auf ihren Computerbildschirm: Modellrechnungen zum Impffortschritt. "Im günstigsten Fall, haben wir berechnet, könnten im Juli 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft sein. Das ist natürlich sehr optimistisch. Da muss alles wirklich sehr rundlaufen. Aber im September ist dieses Ziel durchaus erreichbar", so Grimm. Dafür müssten zügig auch die Haus- und Betriebsärzte mit Impfstoff versorgt werden, um gegen das Virus impfen zu können. "Die Logistik, die dahintersteht, ist nicht zu unterschätzen."

Neue Schulden gerechtfertigt

In der Zwischenzeit will der Bund weiter Schulden aufnehmen. Die Neuverschuldung für 2021 steigt auf den Rekordwert von 240,2 Milliarden. Die hohen Staatsschulden sind für Grimm gerechtfertigt. Das Geld müsse aber zielgerichtet ausgegeben werden: zum einen für die Unternehmenshilfen, zum anderen auch für die Konjunkturprogramme, damit die Wirtschaft nach der Pandemie wieder dynamisch anlaufe, mahnt die Expertin. Gerade bei den Hilfsleistungen für Unternehmen und Soloselbstständige sei nicht alles ideal gelaufen. "Vieles muss nachgebessert werden, vieles kann schneller ausgezahlt werden", betont Grimm.

Insgesamt stehe Deutschland finanzpolitisch sehr gut da, so die Wirtschaftsexpertin. Der Schuldenstand steigt von 60 Prozent vor der Krise auf mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise vor zehn Jahren lag die Schuldenstandsquote bei mehr als 80 Prozent. "Und auch von den Schulden nach der Finanzkrise sind wir für Stück für Stück wieder heruntergekommenen", so Grimm.

Rat auf der Suche nach neuem Chef

Seit einem Jahr gehören mit Veronika Grimm und Monika Schnitzer zwei Frauen dem Sachverständigenrat an - ein Novum. Lange saßen in dem fünfköpfigen Rat, der 1963 gegründet wurde, nur Männer. Erst 2004 wurde erstmals eine Frau zur Wirtschaftsweisen ernannt. Nach dem Ausscheiden des Wirtschaftsweisen und Vorsitzenden des Gremiums Lars Feld in diesem Jahr gilt es, einen neuen Chef unter sich auszumachen. Möglicherweise wird es erstmals eine Frau.

Über dieses Thema berichtete der BR in "Frankenschau aktuell am 30. März 2021 um 17:30 Uhr.

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